Sind wir Ratten in Paris?

Text: Rilana Stöckli, Fotos: Manuel Lopez

Rilana und Manuel fuhren im Februar 2019 mit einer Ladung sortierter und gesammelter Kleidern aus dem Sonnenhaus in Köniz nach Paris zum Team von Paris Refugee Ground Support. Während vier Nächten halfen sie auf der Strasse beim Verteilen von Decken und Schlafsäcken und weiteren essentiellen Dingen. Manuel hat das ganze fotografisch begleitet. In den Nächten kamen viele Gedanken auf. In einer kurzen Geschichte hat Rilana einige ihrer Gedanken zusammengefasst:

Ich warte im Auto.

Eklig, mit ihren nackten Schwänzen, flitzen sie in einer Schar über den dunklen Parkboden. Nur ihre Silhouetten können dank der flackernden Strassenlaternen erkannt werden. Es sind fünfzehn, nein, mindestens zwanzig blitzschnelle Nager die regelmässig in faustgrossen Löchern im kahlen Erdboden des Parks verschwinden und wieder auftauchen. Abwechslungsweise knabbern immer fünf von ihnen hektisch an dem Plastiksack, der mit der lächerlichen Absicht, den Park sauber zu halten, in einen der öffentlichen Abfalleimer gespannt wurde.

Noch einige Minuten schaue ich den fleissigen Rackern bei ihrer nächtlichen Aktion zu, bevor ich begreife, dass ich irgendwie Empathie für sie entwickelt habe.

«Weiter geht’s, die Männer am Feuer haben jetzt alles. Sie schlafen nicht hier. Einige von ihnen weiter vorne, unter der Brücke und einige in der kleinen Strasse hinter dem grossen Hotel.»

Wir fahren Richtung Kanal. Ob die unterirdischen Gänge der Ratten wohl auch bis dorthin führten?

Kurzer Besuch bei der Stammrunde zwischen den Zelten neben dem Kanal. Sie berichten, dass heute hier nur zwei Neue angekommen seien, die noch keinen Schlafsack hätten. Wir versorgen sie mit dem Nötigsten gegen die Kälte. Heute Nacht misst der Thermometer wie die vergangenen Nächte genau null Grad. 

Ich setze mich hinten in den Van, so habe ich Zeit zum Nachdenken. Was denken wohl die wichtigen Leute oben in der französischen Regierung? Ob sie wohl die Männer mit den Ratten verglichen? Beides Plagen, die möglichst vom Pariser Tageslicht versteckt gehalten werden müssen?  

«Schaut kurz nach Leuten auf den Lüftungen dort drüben, bitte». Einer der sichersten Schlafplätze in Paris scheinen die Lüftungsabdeckungen von der überschüssigen Wärme aus der Metro zu sein. Ratten würde ich hier bestimmt keine antreffen, nein, denn so viel Licht und Autolärm wie hier würden die nicht vertragen. Einer, er liegt alleine da, scheint es nicht zu seinem gewollten Schlafplatz geschafft zu haben. Mit einer Handbewegung versucht er Richtung Brücke zu zeigen, wo auch viele andere waren. Er liegt mit dem Kopf auf seinem Rucksack eingerollt da, kann sich kaum bewegen vor Müdigkeit. Ich lege eine grosse, rote Decke auf ihn und seine Augen sind schon wieder weg. «Bon courage», flüstere ich und wir fahren weiter.

Männer, älter als 18 Jahre werden als weniger vulnerabel als alle anderen eingestuft. «Weniger vulnerabel» müsste in Paris vielleicht eher «Überlebenskünstler» heissen, denn wenn du das als Mann über 18 nicht bist, hast du keine Chance.

Ob sie sich wohl überlegen, was die Europäer von ihnen denken? Ob sie sich wohl schon gefragt haben: «Sind wir Ratten?». Unerwünscht, hässlich, unmenschlich, nutzlos und mühselig?

Ein Notruf. Eine Familie mit drei Kindern sei gerade angekommen und warte unter der Brücke beim Feuer auf den nächsten Morgen. Es ist zu spät in der Nacht, als dass jetzt noch eine Unterkunft für sie gefunden werden könnte. Wir fahren hin, sind angespannt und müde. Als wir ankommen treffen wir ungefähr zwölf Männer an, die noch wach sind und ausserdem die Familie: Eine Frau mit ihren drei Jungen, der älteste vielleicht neun Jahre alt. Niemand kennt sie, niemand spricht die gleiche Muttersprache wie sie. 

Wir erklären ihnen, dass sie die Nacht hier verbringen müssen, wir hätten aber ein Zelt, Schlafsäcke und Decken mitgebracht. Während ich mich mit der Frau unterhalte und versuche rauszufinden, ob sie sonst noch etwas brauchen, holen die anderen das Material. Die Männer helfen das Zuhause dieser Nacht für die Familie zu errichten. Sie legen die Decken zur Isolation auf den Zeltboden und fragen nach Essen, Trinken und anderen Dingen für die Familie. Das Bedürfnis zu helfen, Fürsorglichkeit und Herzlichkeit scheint auch unter diesen frustrierenden Lebensbedingungen bei niemandem verloren gegangen zu sein.

Jetzt noch eine letzte Kontrollfahrt zu einem kleinen Park in einer Wohnsiedlung, wo sich schon seit mehreren Nächten die gleichen Leute eingenistet haben. Nur ein junger Mann, der noch keinen Schlafplatz gefunden hat sitzt am Strassenrand und hält sich die Hände vors Gesicht. Er weint. Und dann noch dieser eine Mann, der im Schlafsack neben vier anderen liegt, seinen Oberkörper an die Wand gelehnt hat und liest. Welch Stärke er damit ausdrückt, was für eine Menschlichkeit und was für eine Botschaft: Nein, Ratten sind wir nicht!

Wir waren vier Nächte in Paris. Es war trocken und die Temperaturen waren kaum unter Null. Das Team von Paris Refugee Ground Support ist schon seit drei Jahren jeden Winter jede Nacht auf den Strassen von Paris unterwegs. Sie brauchen all ihre Kräfte um den Menschen, die nichts mehr haben etwas Wärme zu schenken, ja sogar das Leben zu retten. Sie brauchen unsere Unterstützung, da sie sich ausschliesslich mittels Spenden an der Stange halten können: Jede Spende zählt - PRGS!